Die Entfaltung des „Plapperzeltes“

Der Kiez hat sich selbst beschenkt. Es ist ein 4 x 4 – Meter-Faltzelt geworden. Mit der kleineren Variante von 3 x 3 Meter haben wir schon gute Erfahrungen gemacht. Das große Zelt von 4 x 4 Meter soll nun eine Kleingruppe für ein Gespräch mit coronagemäßem Abstand aufnehmen können. Unter freiem Himmel und doch vor dem Regen geschützt. Am Sonntag, den 18.November 2020 hat der Soldiner Kiez e.V., der über den Aktionsfonds die finanzielle und organisatorische Abwicklung übernahm, mit einem kleinen Herbstfest das neue Zelt eingeweiht. Aus diesem Anlass hat Vorstandsmitglied Thomas Kilian das Zelt auf den Namen „Plapperzelt“ getauft. Anschließend kommt es – wie schon die kleinen Zelte – auf Brigitte Lüdeckes Leihliste für den Soldiner Kiezes. Für einen kleinen Obolus kann es nun jede*r für Veranstaltungen im Kiez leihen.

Das Fest litt etwas unter dem Wetter und der Zurückhaltung der potentiellen Gäste wegen Corona. Außerdem konnten wir mit dem Hinterhof der Prinzenallee 58 nur den zweitbesten Platz bespielen. Ursprünglich hatten wir die Grüntaler Promenade im Visier. Dort hätte es mehr Laufkundschaft gegeben. Aber das Straßen- und Grünflächenamt „war dagegen sehr“. Auch Wege und Flächen seien Teil der gewidmeten Grünanlage und stünden nur bei „dringlichem öffentlichen Interesse“ zur Verfügung. Dieses Zauberwort nachzuschieben, ließ uns das Amt aber keine weitere Gelegenheit. Wir haben uns jedenfalls bei der zuständigen Stadträtin Sabine Weißler beschwert. Das Ganze war denn auch Gesprächsthema im Bezirksrathaus. Zumindest einige Fraktionen bestätigten uns, dass das Straßen- und Grünflächenamt generell nicht sehr kooperativ sei.

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Sommerausflug des Soldiner Kiez e.V. – die Drei Schlösser-Tour

An der Grenze zwischen Berlin und Potsdam gibt es einen Ort, wo sich gleich drei Schlösser in unmittelbarer Nähe befinden: Schloss Glienicke, Jagdschloss Glienicke und Schloss Babelsberg mit ihren jeweiligen Parks.

Das erschien uns ein lohnendes Ziel für den diesjährigen Sommerausflug des Soldiner Kiez e.V. zu sein. Am 30. August 2020 versammelten sich sieben Teilnehmer/innen vor dem Umspannwerk Christiania und begaben sich per S-Bahn und Bus zum ersten Ziel.

Schloss Glienicke, Löwenfontäne Foto: Diana Schaal

Vor der Südfassade von Schloss Glienicke erzählte Diana Schaal kurz etwas zur Geschichte des Hauses. Karl Friedrich Schinkel hatte das vorherige Landhaus 1824-25 für Prinz Carl von Preußen in eine klassizistische italienische Landvilla umbauen lassen.

Klosterhof mit Wandsarkophag von Pietro d’Abano. Foto: Stefan Höppe

Wir durchstreiften dann zusammen die wunderschöne Gartenanlage mit verschiedenen Brunnen, Ausblicken auf die Havel, Statuen und den steinernen Antiquitäten, die Italien-Fan Carl nach dem Abriss eines mittelalterlichen venezianischen Klosters gerettet hatte. Dazu gehörte auch der Sarkophag des Arabien-kundigen Universitätslehrers Pietro d’Abano aus Padua, der nach seinem Tod nochmals wegen Ketzerei zum Tod verurteilt worden war.

Nach einer kleinen Rast auf schattigen Parkbänken gestärkt, verließen wir die Gartenanlage und folgten der gegenüber einbiegenden Straße zum Jagdschloss Glienicke. Wir fanden auf Anhieb das schmale Gittertor, das neben dem zugemauerten Kurfürstentor auf die Nordseite des Schlosses führt. Auf der Parkseite des Kurfürstentors sahen wir die Medaillons vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg und seiner ersten Frau Luise Henriette von Oranien. Der Große Kurfürst hatte das Jagdschloss 1682–93 erbauen lassen.

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Gott wohnt im Wedding – wo sonst?

Regina Scheer und stefan Höppe im Gespräch. Foto: von Hoff

Mit Regina Scheer hat der Soldiner Kiez e.V. eine Autorin zum „Talk im Kiez“ am 9. Januar 2020 eingeladen, die Geschichte zu erzählen weiß. Das gilt für ihre Sachbücher und ihre zwei Romane, darunter dem aktuellen Buch „Gott wohnt im Wedding“, aber auch für ihre eigene Lebensgeschichte. Moderator Stefan Höppe musste die Historikerin nur anstupsen, und sie breitete ihre Lebensgeschichte ausführlich vor dem dicht gedrängten, 30-köpfigen Publikum im Weinlokal „Holz und Farbe“ aus.

Für die jüngeren und manche/n aus dem Westen der Republik war das nicht zuletzt spannend, weil Regina Scheer 1950 in Ostberlin geboren und dann dort aufgewachsen ist. So erfuhren sie von den Nischen in der parteiamtlichen Jugendorganisation FDJ, aber auch von den politischen Eingriffen in deren kritischere Publikationen wie dem „Forum“ und dem „Temperamente“, für die Scheer arbeitete. Ihr erster, preisgekrönter und gut verkaufter Roman „Machandel“ setzt sich denn auch mit systemkritischen Christ/innen aus Pankow auseinander. Dort lebte sie selbst über das Ende der DDR hinaus dann noch bis 2006. Schließlich vertrieben sie die steigenden Mieten in den Wedding.

Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik war für die Autorin von einem persönlichen Schicksalsschlag überschattet: Dem Tod ihres Mannes. Gleichzeitig bedeutete die Vereinigung für sie wie für viele Kulturschaffende einen schwierigen Neuanfang: Die Konkurrenz in einer marktwirtschaftlichen Publizistik stieg sprunghaft, Geld wurde im Gegensatz zum Leben in der DDR auf einmal eine bestimmende Größe. Weiterlesen

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„Menschen helfen Menschen“ arbeitet weiter

Menschen helfen Menschen bis zur Beladung vom Hackenporsche. Foto: Kilian

Die ganze Zivilgesellschaft im Wedding tagt im Moment in Videokonferenzen. Viele kommen damit nur mühsam zurecht. Aber die Aktivist*innen mühen sich. Besonderes ereignete sich aber in der Wollankstr. 58 im Soldiner Kiez.

Dort sitzt ein mit uns gut befreundeter Verein namens „Menschen helfen Menschen“. Der verteilt etwa Lebensmittel an Bedürftige oder Schreibgerät und Ranzen an Schüler*innen aus armen Haushalten. Für ein Weniges können Menschen mit geringem Einkommen Klamotten oder auch Möbel erstehen. Die Arbeit machen fast ausschließlich sogenannte Arbeitslose als Ein-Euro-Jobber*innen. Sie be- und entladen die Transporter und fahren die Sachen zu den Verteilstellen im Wedding, in Hohenschönhausen und Marzahn. Die meisten sind etwas älter. Sie haben wenig Chancen, jemals wieder eine feste Stelle zu finden.

Die Truppe steht hinter dem, was sie tut

„Menschen helfen Menschen“ war schon immer ein besonderer Verein, wo Menschen aus dem Kiez mit minimalen Mitteln ein Maximum erreichten. Das hat sich mit der Covid-19-Viren-Krise noch gesteigert. Denn das Jobcenter hat die Zahlungen für Ein-Euro-Jobber eingestellt. Die Arbeitslosen sollen von Amts wegen daheim bleiben. Die Arbeitskräfte vom „Menschen helfen Menschen“ hätten also mit gutem Recht alles stehen und liegen lassen können und sich in die vielleicht sichereren vier Wände zurückziehen. Doch die Truppe steht hinter dem, was sie tut. Sie beschloss, weiter zu arbeiten. Bei „Menschen helfen Menschen“ gibt es nun einige der wenigen Ausgabestellen für Essenspakete für Bedürftige. Sonst soll man sich in Listen eintragen und auf eine Belieferung warten. Man darf gespannt sein, wie dieses aufgrund der notwendigen Fahrzeuge teure und personalintensive Modell anläuft.

Die drei Transporter sind auch ein ständiges Problem für „Menschen helfen Menschen“. Sie haben ein paar Jahre auf dem Buckel, und es gibt bei ihnen ständig was zu reparieren. Das geht immer in die Tausende. Sprit, Mieten und Heizung sind dagegen kalkulierbar. Aber die Kosten kommen schon auf 6000 bis 8000 Euro im Monat, die vor allem bei Spender*innen zusammengesammelt werden. Ein mühsames Geschäft. Dagegen ist das Zusammentragen von Lebensmitteln nach wie vor allein eine Frage der Menpower. Selbst in den Zeiten von Covid-19 fällt genug aussortiere Ware für Bedürftige an. Das Team von „Menschen helfen Menschen“ ist für diese Arbeit gut eingespielt. Neue Freiwillige werden hier kaum gebraucht, es sei denn ein*e Mechatroniker*in samt Werkstatt.

Es fehlt schlicht etwas Geld

Weil man immer einige Leistungen einkaufen muss, fehlt es dem Projekt schlicht an Geld. Denn mit der Krise fiel aufgrund der Schulschließungen die Verteilung von Schreibsachen weg, und der Verkauf von Möbeln und Gebrauchtklamotten musste aus Hygienegründen bis auf nahe Null eingeschränkt werden. In diesen Bereichen hatte man aber immer einen kleinen Überschuss erwirtschaftet, der über manche Klippe hinweg half. Zudem sind mit dem Beginn der Pandemie auch die Spenden eingebrochen. Deshalb bittet der Soldiner Kiez e.V. unsere Freund*innen von „Menschen helfen Menschen“ mit einer Gabe zu unterstützen. Die Kontoverbindung lautet:

Menschen helfen Menschen

Berliner Sparkasse

IBAN: DE44 1005 0000 6603 0013 04

Kennwort: Kiezsolidarität

Selbstverständlich hat „Menschen helfen Menschen“ bei der Lebensmittelverteilung seine Hygienestandards gesteigert. In der Wollankstraße darf nur jeweils eine Person in die Verteilstelle eintreten. Ansonsten findet die Ausgabe der Lebensmittel nur noch im Freien mit einem angemessenen Abstand zwischen den Personen statt. Die Mitarbeiter*innen des Vereins tragen Masken und Handschuhe. Die Essenspakete gibt es:

  • Wollankstr. 58: Montag bis Mittwoch und Samstag von 10 – 14 Uhr

  • Hohenschönhausen beim Kieztreff Falkenbogen: Mittwoch und Freitag 15.00 bis 16.30 Uhr

  • Marzahn am Blumenberger Damm 12-14: Montag und Donnerstag; 15.00 bis 16.30 Uhr

Wir weisen noch auf folgendes hin:

Die Web-Site von „Menschen helfen Menschen“

Das Aktuellste zu „Menschen helfen Menschen“ steht oft unter facebook

Den Vereinsvorsitzenden, Horst Schmiele, haben wir vor etwas über einem Jahr in unserer Gesprächsveranstaltung „Talk im Kiez“ interviewt. Er hat über seine Vereinstätigkeit hinaus auch sonst ein ungewöhnliches Leben geführt.

Auf unseren Hinweis hin schrieb die ehemalige Kiezschreiberin vom Soldiner Kiez, Tina Veihelmann, einen Artikel für die taz – mit einem anderen Schwerpunkt und weiteren Informationen zu „Menschen helfen Menschen“

 

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Alle Wege führen in den Soldiner Kiez: Austausch mit Künstler*innen aus Novi Sad

Freundschaftsdelegationen reisten im Herbst 2019 zwischen Novi Sad, der mit an die 500 000 Einwohner*innen zweitgrößten Stadt Serbiens, und dem Soldiner Kiez. Zuerst zeigte das dortige Museum für moderne Kunst die Bilder von 14 Künstler*innen aus Berlin. Dann kamen vom 6. bis zum 13. November acht Kolleg*innen aus dem Norden des Balkanstaates in unseren Kiez. Im Katalog war von einer gewissen Ortslosigkeit der modernen Kunst die Rede. Bedeutend seien eher Netzwerke.

Jovan Balov, ein wesentlicher Mitorganisator auf der Berliner Seite, spricht gelegentlich von der „Heimatlosigkeit“ des/der modernen Künstler*in. Von daher war es nicht nur für die Kolonist*innen attraktiv, in einem anerkannten Museum auszustellen, sondern auch unsere Gäste genossen Berlin: Neben der Betreuung ihrer eigenen Ausstellungen in drei Projekträumen (Prima Center Berlin, Wolf & Galentz und Spor Klübü) erkundeten sie die Stadt: Freund*innen besuchen, Verbindungen herstellen und natürlich Museen durchstreifen.

Gäste und Gastgeber beim Empfang in der Nachbarschaftsetage Foto: von Hoff

Der Soldiner Kiez e.V. unterstützte die Kolonie Wedding durch die Organisation eines Rahmenprogramms mit dem Schwerpunkt Migration. Wir veranstalteten einen kleinen Empfang zum Kennenlernen der Beteiligten. Die Haci Bayram Moschee öffnete auf unser Bitten ihre Gebetsräume und erläuterte die Probleme ihrer Religion in einem Zuwanderungsland. Diana Schaal referierte (auf Englisch mit vielen Lichtbildern) über die Geschichte des Soldiner Kiezes: ein Zuwanderungsgebiet von Anfang an. Dafür, dass die Schwaben immer noch gelegentlich in den Gesundbrunnen ziehen, steht sie ja selbst, aber arme Schweizer sind seit dem 18. Jahrhundert seltener geworden. Gemeinsam mit dieser Veranstaltungsreihe unterstützte der Aktionsrat vom QM den Druck des Kataloges und von Flyern. Weiterlesen

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3. interreligiöses Gespräch: „Autorität und Gehorsam“ gegenüber Gott – und unter den Menschen

Michael Glatter, Thomas Kilian und Dr. Khalid el-Saddiq (v.r.n.l.) beim Gespräch. Im Hintergrund rechts: der Sprachmittler. Foto: Tragl

Das 3. interreligiöse Gespräch am 4. November 2019 und das dazugehörige Philosophische Café am 10. Oktober 2019 beschäftigten sich mit „Autorität und Gehorsam“. Im Einleitungsvortrag zum Philosophischen Café stellte Thomas Kilian ein Konzept vor, nach dem es vier Gründe für Gehorsam und die Anerkennung von Autoritäten gebe: Die Möglichkeit zu belohnen oder zu bestrafen, überlegenes Wissen oder die Präsentation attraktiver Werte und Ziele.

In der Diskussion beim Philosophischen Café stellte sich die Frage nach dem Verlust der Glaubwürdigkeit von intellektuellen Kenntnissen, aber auch der mangelnden Bindung an gewisse Werte. Das Gespräch unter den knapp 10 Anwesenden wurde dann angesichts der jüngeren Wahlergebnisse in Sachsen und Brandenburg auch tagespolitisch.

Beim interreligiösen Gespräch ging es um Autorität und Gehorsam in der Beziehung Gott – Mensch, gegenüber den heiligen Schriften und unter den Menschen. Pfarrer Michael Glatter von der Gemeinde Heiligensee, bis vor 4 Jahren im Soldiner Kiez und in der Gemeinde an der Panke, und Imam Dr. Khaled El-Seddiq vom Interkulturellen Zentrum für Dialog und Bildung (Moschee und Kulturzentrum im Kiez) beriefen sich bei der Autorität Gottes über den Menschen beide auf dessen Fürsorge für den Menschen. Er meine es, gleich den Eltern eines Kindes, einfach gut mit ihm/ihr.

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Was der Denkmalschutz nicht sieht

Roland auf dem Markt in der Stadt Brandenburg. Foto: wikipaedia

Auf manchem mittelalterlichen Marktplatz steht ein Roland. Der Ritter wachte über den Frieden am Ort. Wo viele Menschen vorbeikommen, wie am Penny gegenüber unserer Stephanuskirche, erledigt es sich in zivilisierten Zeiten, dass ständig jemand aufpasst. Auf der Seite der Kirche hat mit der geringen Nutzung des Gotteshauses der Durchgangsverkehr abgenommen. Die Folge war, dass der Platz verwahrloste. Seit Mario Freiherr dort seinen Eis-Stand betreibt und einen kleinen Sitzbereich geschaffen hat, sind diese Probleme praktisch erledigt. Denn nun sind hier häufig seine Kunden sowie er selbst. Mario verkauft Eis, Waffeln und Brot.

Doch nun hat Mario Ärger. Der Denkmalschutz sorgt sich um den Blick auf die Stephanuskirche und moniert den Kiosk, vor allem den Aufsatz, in dem das Kühlaggregat steckt. Mario hat gegen den Bescheid des Amtes Widerspruch eingelegt. Nun steht eine Anhörung an. Bis zur endgültigen Entscheidung darf Mario weitermachen. Im Kiez würden viele ihn und seinen kleinen Laden vermissen. Der Quartiersrat hat bereits eine Solidaritätsadresse verabschiedet. Der Soldiner Kiez e.V. schließt sich diesem Appell an. Unter dem Link finden Sie neben dem Resolutionstext auch aussagekräftige Bilder. Mario selbst will im Januar bei seinen Kunden weitere Unterschriften sammeln.

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Selbstwirksamkeitserfahrungen: Ex-Quartiersmanager Reinhard Fischer zu 20 Jahre QM im Soldiner Kiez

Reinhard Fischer erklärt Soziale Stadt. Foto: von Hoff

Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer und ein Jahr vor Beginn des neuen Milleniums erblickte es das Licht der Welt und wohnt seitdem unter uns, derzeit in der Koloniestraße 129. Das Quartiersmanagement (QM) Soldiner Straße feiert in diesem Jahr sein 20jähriges Jubiläum, und so haben wir den Ex-Quartiersmanager Reinhard Fischer am 24. Oktober zum Talk im Kiez ins Müllmuseum in der Stephanuskirche eingeladen, um – interviewt von Thomas Kilian (Soldiner Kiez e.V.) – der Anfänge des QM zu gedenken, leider vor enttäuschend wenig Publikum. Offenbar verhält es sich mit dem QM wie mit anderen Nachbarn auch: Sie wohnen seit vielen Jahren direkt neben uns, Tür an Tür, aber man kennt sie nicht oder wenigstens kaum. Was also ist oder tut das QM? Das QM Soldiner Kiez entstand – wie die anderen 29 heutigen Berliner QMs auch – im Kontext des Städtebauförderungsprogramms „Soziale Stadt“, mit dessen Geldern (dem sogenannten Quartiersfond) während der letzten 20 Jahre über das QM und den Quartiersrat zahlreiche soziale oder kulturelle Projekte im Soldiner Kiez realisiert wurden.

Das Städtebauförderungsprogramm „Soziale Stadt“ hilft, städtebaulich, wirtschaftlich und sozial benachteiligte Stadtteile zu stabilisieren und aufzuwerten. Investitionen in öffentliche Infrastruktur, den öffentlichen Raum und das Wohnumfeld sollen Akteure im Quartier zusammenbringen und aktivieren, um den sozialen Zusammenhalt im Quartier zu stärken. Für die Umsetzung hat der Berliner Senat ein Quartiersmanagementverfahren ins Leben gerufen und setzt es gemeinsam mit den Bezirken um. Quartiersmanagement-Teams unterstützen lokale Aktivitäten der Bewohnerinnen und Bewohner, sammeln Ideen, vernetzen Menschen und Initiativen und organisieren den Prozess der Stärkung des Kiezes und der Eigenverantwortung der Bewohnerschaft. (https://www.stadtentwicklung.berlin.de/wohnen/quartiersmanagement/)

Reinhard Fischer, der seine Stelle als Quartiersmanager am 1. Juli 1999 – drei Monate nach der Eröffnung des QM-Büros (1. April) – antrat, beschreibt sich als jemanden mit „krummem Lebenslauf“: zunächst Studium dreier „brotloser Künste“ (Islamwissenschaften, Geographie, Ethnologie); dann Mitarbeit in einem Deutsch-Pakistanischen Forschungsprojekt im Norden Pakistans; in Spandau Durchführung von Gewaltpräventionsmaßnahmen mit Jugendlichen; Touristenführer in Potsdam, Quartiersmanager von 1999 bis 2008, zuletzt in leitender Funktion; Begleitung eines europäischen Städtenetzwerks; Konzeptentwicklung für die Stadtentwicklungsbehörde („Aktionsräume plus“). Heutzutage arbeitet Reinhard Fischer als Referent für Veranstaltungen und Kooperationen bei der Landeszentrale für politische Bildung. Die Zeit als Quartiersmanager im Soldiner Kiez bezeichnet er als eine Phase, in der er viel gelernt habe: über die Organisation komplexer Projekte, über die Verwendung öffentlicher Mittel sowie über Strategien, wie man von ihrer kulturellen Herkunft und ihrem Bildungsgrad her ganz unterschiedliche Menschen in einem gemeinsamen Diskussionsprozess zusammenführt. Weiterlesen

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In Memoriam Dorothee Neserke-de la Haye

Dorothee Neserke-de la Haye, Foto: Privat

Am 10. September 2019 starb unsere ehemalige Mitstreiterin Dorothee Neserke-de la Haye. Sie wurde in aller Stille auf dem Elisabeth-II-Friedhof im Soldiner Kiez beigesetzt. Wir haben erst später davon erfahren. Nach Marseille, Frankfurt/Main und Brüssel war die gebürtige Hermsdorferin nach Berlin zurückgekehrt und lebte dann lange im Soldiner Kiez, zuletzt im Seniorendomizil an der Panke.

Uns war Dorothee als Lyrikerin und als kritische Begleiterin unserer Kulturarbeit im FORUM Soldiner Kiez gut bekannt. Dabei war sie ebenso einfühlsam und hilfsbereit wie streitbar. Sie engagierte sich außerdem im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und in der Neuen Gesellschaft für Literatur (NGL). Unter anderem richtete sie im Rahmen der Berliner Festspiele im Literarischen Colloquium Berlin mehrere Lesungen aus.

Dorothee wurde 1944 geboren. Ihr Vater starb früh, die Bildungsmöglichkeiten waren für die Tochter einer alleinerziehenden Arbeiterin beschränkt. Nach einer Scheidung zog sie ihren Sohn Alban ebenfalls alleine groß. In ihren Vierzigern brach eine manisch-depressive Erkrankung aus. Ihr Lebensende war aufgrund einer Demenz davon gekennzeichnet, dass ihr die Sprache entglitt. Sie konnte sich immer weniger verständlich machen. Erst stellte sie das Schreiben ein und schließlich nach und nach das Sprechen.

In diesem schwierigen Leben behielt Dorothee ihren Eigensinn, ihre Würde und ihr Interesse an ihren Mitmenschen. Wir konnten ihren Ansprüchen nicht immer genügen, aber wir vermissen sie.

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„Ich bin auf meinem Teppich geblieben.“ Dönerproduzent Remzi Kaplan beim „Talk im Kiez“

Engagiert im Gespräch: Remzi Kaplan. Mit Moderator Thomas Kilian. Foto: von Hoff

Er sei stolz auf seinen Kiez, auf seinen Bezirk, den Wedding: Europas größter Dönerhersteller, Remzi Kaplan, war am 11. April zu Gast beim „Talk im Kiez“, einem Veranstaltungsformat des Soldiner Kiezvereins, das BewohnerInnen aus dem Soldiner Kiez dazu einlädt, etwas über sich und die Geschichte des Kiezes zu erzählen. Fast ein halbes Jahrhundert lang wohnt Remzi Kaplan nun schon in Wedding/Gesundbrunnen, die meiste Zeit davon hier in unserer Nachbarschaft, und in den Räumen des Kulturvereins Bahadin e.V. in der Biesentaler Straße steht er heute Rede und Antwort.

Bahadin – in diesem seinerzeit kleinen, mittlerweile 2400 Einwohner zählenden Dorf bei Ankara wird Remzi Kaplan 1960 geboren. Bereits während seiner Kindheit in der Türkei zeigt sich sein Talent als Händler und Verkäufer auf dem heimischen Markt, bevor er dann 1970 von seinen als Gastarbeiter nach Berlin emigrierten Eltern nachgeholt wird. Fragen zu seiner Schulausbildung begegnet Remzi Kaplan mit einem verschmitzten Lächeln: Ein guter Schüler sei er nicht gewesen, aber darauf komme es auch gar nicht an, sondern allein auf den eigenen Willen. Seit 1978 selbständig mit eigenen Imbissläden und dem Verkauf türkischer Spezialitäten auf diversen Märkten West-Berlins. Remzi Kaplan startet bald nach der Vereinigung mit dem Döner-Verkauf in Ost-Berlin. 1991 eröffnet er in der Soldiner Straße die erste Produktion vorgefertigter Dönerspieße in Deutschland. Heute befindet sich das Café Kakadu in den Räumen. Kaplan expandiert dann schnell – zunächst national und dann auch europaweit. Kap-Lan Dönerproduktion GmbH ist heutzutage ein Familienunternehmen: Firmengründer Remzi Kaplan führt das Vertriebs-Unternehmen, die jüngste Tochter Belgin Kaplan hat die Geschäftsführung in der Produktions-GmbH in Berlin übernommen, Sohn Birol Kaplan leitet den Auslandsmarkt. Die Berliner Produktionsstätte befindet sich seit einigen Jahren in der Provinzstraße (südliches Reinickendorf) und bildet auch Fleischer bzw. Bürokräfte aus. Ein Berufsbild „Dönerproduzent“ werde leider bis heute in Deutschland nicht anerkannt. Weiterlesen

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