Mit neuem Konzept in der Kiezkneipe mit Herz

Eine typische Berliner Eckkneipe, das Soldiner Eck, war am 11. Oktober 2018 Veranstaltungsort des Talk im Kiez, und dem Ortswechsel entspricht ein konzeptioneller. Zunächst hatte das vom Soldiner Kiezverein vor gut einem Jahr ins Leben gerufene Format der Kiezgespräche aktuelle Themen wie Drogenkriminalität, Mietpolitik oder Jugendtheaterarbeit zum Gegenstand, leider mit mäßigen Besucherzahlen. Und so beschlossen wir, den Schwerpunkt der Gespräche fortan auf die Geschichte des Kiezes zu legen, und werden nun jedes Mal Akteure oder BewohnerInnen einladen, die schon länger im Kiez leben oder arbeiten und Interessantes über seine Geschichte zu berichten haben.

Inge Domscheit erzählt von 40 Jahren Kneipengeschichte. Foto. M. von Hoff

Den Anfang machte am 11. Oktober Inge Domscheit vom Soldiner Eck, noch dazu gab es ja für Inge und ihren Ehemann Willi 2018 allen Grund zu feiern: Seit 40 Jahren nun schon betreiben die beiden gemeinsam diese an der Ecke Soldiner Straße/ Wriezener Straße gelegene „typisch Berliner“ Kneipe (die große Jubiläumsparty fand im Spätsommer statt), und so durfte man an diesem Abend auf viele interessante historische Streiflichter und Anekdoten gespannt sein. Freilich ist das Ambiente diesmal komplett anders als während der vergangenen Kiezgespräche in der NachbarschaftsEtage: ein länglicher Kneipenraum mit Ausschank und Barbestuhlung im vorderen, eine Billard- und Sitzecke mit Tischen im hinteren Bereich. Viele Gäste sind da (entsprechend bisweilen der Geräuschpegel), nicht alle zwar eigens gekommen, um aufmerksam dem Talk im Kiez zu lauschen, aber doch alle zu Ehren von Inge, die gleich die 40jährige Geschichte des Soldiner Ecks Revue passieren lassen wird.

Wir haben eigentlich immer alle zusammengehalten“, bemerkt Inge irgendwann im Laufe des Gesprächs, und inmitten der Aufs und Abs, der großen und kleinen, der schönen und weniger schönen Momente und Episoden einer 40jährigen Geschichte ist das wohl der rote Faden, der alles zusammen- und die Kneipe am Leben hält: die Nachbarschaftlichkeit, zahlreiche Stammkunden und eine gemütliche Atmosphäre, die das Gefühl gibt, hier gut aufgehoben, hier sogar ein bisschen „zu Hause“ zu sein. Manche Stammkunden sind in der Zwischenzeit verstorben oder weggezogen, manche aber halten dem Soldiner Eck seit seinen Anfängen die Treue.

Die Gäste sitzen unter Inges selbst gefalteten Papierblumen. Foto: H. von Hoff

Aller Anfang ist schwer, wenigstens nicht einfach, wie bei allen Kneipenneugründungen. 1978 stand noch die Mauer und machte den Soldiner Kiez zu einem städtischen Randgebiet. An manchen Abenden ging es im Soldiner Eck sogar richtig turbulent zu. Neben dem Soldiner Eck befand sich damals ein Puff, dessen Publikum aus Prostituierten und Freiern bisweilen herüberkam. Immer wieder kam es zu Schlägereien, auch zu so manchem Polizeieinsatz. Als weitere negative Ereignisse erwähnt Inge ferner drei Raubüberfälle während der vergangenen 40 Jahre. Bei einem wurde sie gar mit dem Messer bedroht. Sobald Gewalt ins Spiel kommt, wird der Blick von außen aufmerksam, ja gierig auf mehr, und sobald nichts passiert – die meiste Zeit also -, wendet er sich gelangweilt ab.

Tatsächlich war das Soldiner Eck nie eine Krawallkneipe, sondern immer nur ein ruhiger, unspektakulärer Ort freundschaftlich-nachbarschaftlicher Zusammenkunft wie heute auch. Gäste kommen durchaus nicht nur aus dem Soldiner Kiez, sondern auch aus anderen Bezirken, quer durch die Generationen. Jüngere Leute feiern bisweilen ihre privaten Parties im Soldiner Eck, und das Publikum ist durchaus multikulturell, wenigstens dem Anspruch nach: Inge legt größten Wert darauf, dass in ihrer Kneipe alle Gäste willkommen sind – unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund, ihrem sozialen Status, ihrer sexuellen Orientierung.

Nach den Highlights der 40jährigen Geschichte ihrer Kneipe befragt, nennt Inge stolz die vier Male, die ein Filmteam zu Besuch kam, um mit bekannten Fernsehstars – etwa Andrea Sawatzki oder Moritz Bleibtreu – eine Szene zu drehen. In der Szene mit Andrea Sawatzki spielte Inge sozusagen sich selbst, schenkte Alkohol ein, während Andrea Sawatzki in ihrer Rolle als versoffene Schauspielerin am Ende vom Barhocker zu fallen hatte. Das Soldiner Eck – ein kleiner Fernsehstar mittlerweile, direkt bei mir um die Ecke. Trotzdem war ich heute zum ersten Mal dort und fand es interessant, ja spannend, von Inge aus ihrer „Eckkneipenperspektive“die Geschichte des Kiezes erzählt zu bekommen. Autor: Stefan Höppe

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