Soldiner Kiez

Häuserblock Soldiner Straße/Prinzenallee mit der PA 58 / ehemalige Hutfabrik Gattel

Blick vom Turm der Stephanuskirche auf den Soldiner Kiez

Am nordöstlichen Rand des Bezirks Mitte liegt der Soldiner Kiez, ein Stadtteil mit ca. 25.000 Bewohner*innen, im Nordosten begrenzt durch den S-Bahnring mit den Stationen Schönholz, Wollankstraße und Bornholmer Straße, im Westen begrenzt durch die Drontheimer Str./Provinzstr. und im Süden begrenzt durch die Osloer Straße. Vor der Bezirksreform 2001 gehörte der Kiez zum Bezirk Wedding und viele der Bewohner fühlen sich immer noch als „Weddinger“. Offiziell ist er jedoch das nördliche Stück des Ortsteils Gesundbrunnen in Berlin-Mitte.

Lage und Gebiet


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Woher kommt der Name „Soldiner Kiez“?

Parallel zur Osloer Straße, etwas nördlich und quer durch den ganzen Kiez, verläuft die Soldiner Straße, benannt nach der ehemaligen Stadt Soldin, die jetzt zu Polen gehört und in Myślibórz umbenannt wurde. Man erreicht sie, wenn man ungefähr 140 km lang geradeaus Richtung Nord-Ost fährt.
„Kiez“ ist der liebevolle Begriff des Berliners für seine Nachbarschaft, aus der er sich selten und ungern hinausbewegt, trotz allem Stolz, in einer einzigartigen Stadt und Großstadt – Berlin – zu leben.

Der Fall der Mauer und seine Folgen
Sowohl die Osloer Straße als auch die Prinzenallee waren bis zum Fall der Mauer Sackgassen. Der Soldiner Kiez war eine ruhige Wohngegend und in den vielen Sozialbauwohnungen hatten sich die Bewohner*innen über die Jahrzehnte etabliert und die „Fehlbelegungsabgabe“ als eigentlich nicht mehr Anspruchberechtigte in Kauf genommen, denn Wohnraum war knapp.
Das änderte sich auf einen Schlag, als die Mauer fiel. Die Osloer Straße wurde in der Verlängerung der Stadtautobahn und Seestraße zur wichtigen Ost-West-Achse, die Prinzenallee zur Nord-Südachse, die Ruhe war dahin. Inzwischen ist die Kreuzung Osloer Straße/Prinzenallee eine der meistbefahrenen Kreuzungen Berlins.
Viele Bewohner*innen sahen ihre Chance, aus der lauten Mietwohnung ins Grüne zu ziehen, denn das Umland Berlins lockte als attraktive Wohnalternative mit diversen Hausbau-Förderprogrammen.
So passierte, was Soziolog*innen wie Hartmut Häußermann den „Fahrstuhleffekt“ nennen. Die bestehende „bürgerliche“ Bewohnerschaft zog weg, neue Mieter*innen konnte nur werden, wer Anspruch auf eine Sozialwohnung hatte und das ganze soziale Milieu sackte ab.

Plan des Soldiner Kiez mit einem Verzeichnis aller Institutionen und Einrichtungen

Der Kiezplan, erhältlich im Büro des QM

Quartiersmanagementgebiet
Im Monitoring Soziale Stadtentwicklung, das anhand von Kennzahlen wie Arbeitslosigkeit, Bezug von Transfer-leistungen, Fluktuation und Migrations-anteil unter Jugendlichen besondere Bedarfe von Stadtteilen erfasst, stand der Soldiner Kiez (Stand 2006) an 319.-ter Stelle, was nicht so schlimm gewesen wäre, wenn es nicht nur 319 Plätze gegeben hätte. Seitdem geht es aber stetig aufwärts!
Einen schönen Artikel zu den aktuellen Zahlen über den Kiez aus dem Monitoring Soziale Stadt 2016  hat das QM Soldiner Straße veröffentlicht.

Das liegt auch am vermehrten Zuzug von Studierenden, jungen Berufstätigen und Familien, die in den In-Vierteln wie dem benachbarten Prenzlauer Berg immer schwieriger eine finanzierbare Wohnung finden und in die innerstädtischen „Problem“-Gebiete ausweichen, die das Monitoring noch auf den hinteren Plätzen listet.
Seit 1998 ist ein Großteil des Soldiner Kiezes als „Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf“ anerkannt worden – er ist „QM-Gebiet“, d. h. ein Quartiersmanagement-Team koordiniert die Aktivierung der Bevölkerung, Bewohner*innenvertretungen und die Verteilung der Fördermittel auf Projekte. Bei einer Reihe solcher Projekten agiert der Soldiner Kiez Verein als Projektträger oder Kooperationspartner. Alles Wissenswerte zum QM Soldiner Straße.

Die Fördermitteln aus dem „Programm Soziale Stadtentwicklung“ haben viel zum Zusammenhalt im Stadtteil beigetragen und manchen über die zwei Jahrzehnte schließender Geschäfte und Restaurants um die Jahrtausendwende hinweg getröstet. Entscheidend wird sein, ob der nachbarschaftliche Zusammenhalt bestehen bleiben kann oder in Zukunft durch eine zunehmende Verdrängung ärmerer Bewohner*innen noch weiter an den Stadtrand die „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf“ sich immer mehr nach außen verlagern, also nur verschieben.
Im übrigen heißen diese Stadtteile seit neuestem „Stadtteile mit besonderen sozialen Integrationsaufgaben“.

Der Soldiner Kiez ist bisher ein Durchgangsviertel, in dem Neuankömmlinge aus anderen Teilen Deutschlands und der ganzen Welt erst mal ein Zuhause finden. Die Mieten sind noch nicht so hoch wie in Prenzlauer Berg oder Kreuzberg, Frauen mit Kopftuch will hier niemand zurück in die Türkei schicken, eine Pegida-Demo würde schon an der Kiezgrenze gestoppt und ansonsten leben die Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen und Traditionen ganz friedlich nebeneinander – und zum Teil auch miteinander. Er ist ein internationaler, aber auch armer Stadtteil. Fast 70% der Kinder – und Kinder gibt es wirklich viele, sehr viel mehr als im Bundesdurchschnitt – sind von staatlichen Transferleistungen abhängig.

Gesundbrunnen und Kiezgeschichte
Doch es gibt auch eine etwas glanzvollere Vergangenheit. Ein Stück südlich von der jetzigen Osloer Straße wurde im 18. Jahrhundert eine Heilquelle entdeckt, um die der Hofapotheker Heinrich Wilhelm Behm ab 1758 eine Heil- und Badeanstalt errichtete. Es war Platz für 40 Kurgäste, leisten konnten sich das nur die wirklich reichen Berliner*innen.  Auch Königin Luise besuchte das Bad mehrmalig 1798 und 1799, so wurde es zehn Jahre später in „Luisenbad“ umbenannt. (Ausführliche Infos zum Gesundbrunnen.)
Mit der zunehmenden Industrialisierung, dem massiven Bau von Mietskasernen und der Ansiedelung von großen Fabriken versiegte die Quelle 1901 und heute erinnert nur noch die Bibliothek am Luisenbad an diesen ehemals elitären Ort.
Weitere Details zur Geschichte des Soldiner Kiez bei www.schoene-kiezmomente.de.

Feiern und Tanzen im Mai zum Berliner Fest 2008

Berliner Fest vor dem Cafe La Tortuga

Nachbarschaft
Wer hier wohnt, genießt die gute Nachbar-schaft „wie in einem Dorf“, bloß dass dieses Dorf sehr viel heterogener ist als Dörfer normalerweise zu sein pflegen! Mehr als 70 Nationen sind hier vertreten, in jeder ganz normalen Schulpause geht es internationaler zu als bei einem EU-Partnertreffen im Kanzlerinnenamt, und trotzdem – oder gerade deshalb – engagieren sich die Akteure im Kiez und insbesondere Wedding.hilft für die neu zugezogenen Flüchtlinge aus aller Welt.

Mitten in der Stadt, kann man an der Panke, die sich von Nord nach Süd durch den Kiez schlängelt, im Grünen am Wasser entlang bis zum Hauptbahnhof radeln oder wandern, in Richtung Norden geht es auf Radwanderwegen sogar bis nach Kopenhagen oder Usedom.

Es gibt einige lukulische Geheimtipps wie das Relais de Savanne, El Pepe, Herr Bielig oder das Hotel Big Mama mit dem Cafe La Tortuga, spannende Projekte wie den Kakadu oder das Bibak, aber das verraten wir nicht weiter, denn wir sind hier eine noch relativ touristenfreie Zone und das wollen wir auch bleiben 🙂

Bilder und Text: Kerstin Kaie, 2016

** Vereinskolleg*innen haben mich darauf hingewiesen, doch etwas gendersensibler zu schreiben. So habe ich meinen Text entsprechend überarbeitet, aus den Bewohnern wurden größtenteils Bewohner*innen, das EU-Partnertreffen blieb, aber das Kanzleramt wurde mit vollem Recht zum Kanzlerinnenamt.
Wir konnten uns als Autor*innen dieser Webseite aber nicht auf eine einheitliche Schreibweise einigen. Ich habe mich für das neue schicke Sternchen entschieden, ansonsten bin ich Mathematiker, fühle mich damit von mir natürlich mitgemeint und grüße herzlich insbesondere alle männlichen Leserinnen 🙂