Wohnen im Soldiner Kiez

Kinder aus drei sehr unterschiedlichen Familien, ein Schnappschuss ca. 1994. Zwei durften zum ersten Mal alleine runter, mussten aber unter allen Umständen im Hof bleiben.

Ich bin 1982 (da war ich Anfang 20) in den Wedding gezogen. „Soldiner Kiez“ gab es damals als Begriff oder Ort überhaupt nicht, es war Wedding und konkret das besetzte Haus in der Prinzenallee 58. Es war ausschließlich die Hausgemeinschaft und verschiedene Besonderheiten des Gebäudes selbst, die für mich so attraktiv war, tatsächlich in den Wedding zu ziehen. Im Wedding zu wohnen war außerordentlich uncool, nicht nur vom Image her sondern tatsächlich. Ich habe neulich alte Fotos gesehen und erinnerte mich an diese unsäglich grauen Straßenzüge, ich hatte das vollkommen vergessen. Im damaligen „West-Berlin“ war dieser Ort im Schatten der Mauer einfach vernachlässigt, vergessen und in jeder Hinsicht trist, ich war ganz sicher nicht wegen „Wedding“ hiergezogen sondern trotzdem.

Ich lebte dann also in diesem Haus. Als Mitglied einer Hausgemeinschaft mit rund 100 Erwachsenen und etwa 20 Kindern ist man erst mal sozial-kommunikativ ausgelastet, im Grunde auch kulturell, das Haus hatte ja eine Veranstaltungshalle und schon damals waren diverse Künstler lokal aktiv.

Natürlich hat es in diesem Haus auch Streit gegeben und es war nicht alles so, wie ich das richtig fand. 7 Jahre habe ich in der heutigen Genossenschaft gewohnt. Ich hatte dann mit den Jahren auch ein Kind und meine Tochter sollte in diesen Verhältnissen nicht aufwachsen. Umzug wohin? Ich wollte nicht, dass meine 2,5-jährige Tochter regelmäßig durch die halbe Stadt gefahren werden muss, um ihren Vater zu treffen, ich suchte eine Wohnung zwischen Drontheimer Straße und Grüntaler Straße. Ich wollte auch irgendwie gerne in der Nähe der Hausgemeinschaft bleiben (etwas Abstand, aber mal sehen) und ich bin nicht die Einzige, die aus der PA58 enttäuscht ausgezogen ist, aber heute noch in der Nähe wohnt. Ich fand eine Wohnung in der Grüntaler Straße, zweiter Hinterhof, billig.

Wenn ich jetzt beispielsweise Arbeitskollegen erzählte, dass ich im Wedding wohnte, konnte ich nicht einmal mehr hinzufügen, dass es aber eine spannende Hausgemeinschaft sei. Es ist für mich erstaunlich, wie viel Sozialprestige Leute allein dadurch bekommen, dass sie in einem bestimmten Stadtteil wohnen. Ist das heute immer noch so, dass Leute mit Stolz verkünden, dass sie in xxx wohnen? Welche Art Stolz ist das überhaupt, stolz auf was? Respekt vor den Kreuzbergern, die haben es meinem Eindruck nach geschafft, dass sie schon in den 80ern und tatsächlich auch heute noch ein respektables Image haben.

Ich wohnte dann also in einer sehr langweiligen Straße mit sehr langweiligen Nachbarn. Ich wohnte immerhin billig und die langweilige Straße war auf den ersten Eindruck und auch auf den zweiten Eindruck kinderfreundlich. Meine Tochter ging nach meiner Erinnerung schon im Alter von 4 Jahren einfach „raus“ und ich wusste nicht so ganz genau wohin. Vielleicht war sie auch schon älter und ich täusche mich, aber es hatte früh angefangen. Ich hatte so eine Ahnung, bei welchen Nachbarn sie vielleicht klingelt und wen sie „unten“ vielleicht so trifft. Gern hätte ich den Blick auf die Straße gehabt, aber wir wohnten im zweiten Hinterhaus, keine Chance. Aber ich wusste, beim wem sie vielleicht klingelt und wen sie vielleicht so trifft. Ich fand das zu allen Zeiten auch gefährlich und riskant, aber als berufstätige alleinerziehende war ich beim besten Willen nicht in der Lage, mein Kind ständig und dauernd zu ihren Abenteuern zu begleiten. Abenteuerlust, ja so etwas hatte mein Kind und die durfte das ausleben – wohl oder übel.

Da unten und da draußen entwickelte sich nach und nach eine Kindergang. Ich meine „Gang“ in einem positiven Sinne, diese Bande war tatsächlich auch cool. Im Sommer ging etwa um 19 Uhr das Telefon, weil Nachbarn nun zum Abendessen ihre Kinder suchten. Es waren zu großen Teilen Eltern, die teilweise aus sehr guten Gründen Distanz zueinander wahrten, aber diese Art Anrufe, die gingen ein. Es waren Kinder aus Trinkerfamilien dabei, für eine Familie war bekannt, dass die Mutter geschlagen wurde, bei einer weiteren Familie war Gerüchten zu Folge Heroin im Spiel. Das war wirklich alles nicht so „schön“, aber man kann als Nachbarin diese Familien nicht „retten“. Unsere Kinder haben zusammen gespielt und das fanden alle richtig. Ich war in diesen Dingen niemals sorglos, aber ich hatte keine Alternative. Immerhin: Im Winter und bei Regenwetter fand sich die ganze Meute in den „richtigen“ Wohnungen zum Spielen ein, häufig bei uns.

Ich wäre später gerne umgezogen, damit mein Kind in einer „besseren“ Umgebung groß wird und  Spielkameraden in „besseren“ Familien findet. Dann hatte ich ein Gespräch mit einem Vater aus Lichterfelde. Er sagte „bei uns um die Ecke ist sozialer Wohnungsbau, alle Probleme genauso“. Interessant. Und ich kannte mein Kind. Ich hatte bereits in deren Kindergartenalter eine Erzieherin gefragt, warum meine Tochter sich ständig und überall vorzugsweise mit verhaltensauffälligen Kindern anfreundet – so war das tatsächlich. Antwort der Erzieherin nach kurzer Überlegung „diese Kinder sind interessant“. Ah so, nachvollziehbar. Ich fand auch bei erheblichen Anstrengungen keine geeignete Wohnung in einer „besseren“ Nachbarschaft und dann sind wir eben geblieben, am Ende der Grüntaler Straße im zweiten Hinterhaus, insgesamt 11 Jahre lang.

Wohnen war immer schon teuer, die Miete zu allen Zeiten eine wichtige Position bei den monatlichen Ausgaben. Unsere Wohnung in der Grüntaler Straße hat mir über die Jahre zwei Mal ermöglicht, eine unbefristete, qualifizierte Arbeitsstelle auf eigenen Wunsch zu kündigen, ohne eine neue Anstellung zu haben. Ich wusste, dass ich mit Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe (so hieß das früher) eine Zeitlang zurechtkommen würde. Auch das war „Wedding“. Ich war nicht die Einzige, die sich auf diese Art irgendwie arrangierte und in dem ganzen trostlosen Umfeld auch persönliche Vorteile fand.

Im Jahr 2000 sind wir in die Uferstraße umgezogen. Anlass war meine Existenzgründung. Ich brauchte eine größere Wohnung wegen dem neuen häuslichen Arbeitsplatz, wollte etwas repräsentativer arbeiten (Vorderhaus) falls Kunden und Geschäftspartner mal vorbei kommen und zusätzlich löste sich die langjährige nachbarschaftliche Gemeinschaft in der Grüntaler Straße allmählich auf.

Warum weiter im Wedding? Auch im Jahr 2000 war das eine ernste Frage. 1998 hatte es eine „Zukunftskonferenz Müllerstraße“ gegeben, ich war als Existenzgründerin dabei und ich hatte sogar eine Arbeitsgruppe initiiert – irgendwas mit Internet für Geschäftsleuten der Müllerstraße oder so ähnlich. Ich hielt für möglich, dass ich als Selbständige UNTER WEDDINGERN ein gewisses Geschäftspotenzial vorfinde, es schien mir sinnvoll Weddinger Unternehmerin zu werden. Diverse Jahre später sollte sich diese Entscheidung als richtig herausstellen. Die neue Wohnung in der „schönsten Straße des Wedding“ (so sagte das mal ein Taxifahrer) habe ich immer unter dem Aspekt gesehen, dass sie für mich nur deshalb bezahlbar ist, weil sie im Wedding liegt. Im Jahr 2000 war in der Uferstraße noch die BVG, ich hätte mir nicht vorstellen können, in welchem Ausmaß und in welcher Weise hier später Entwicklungen eintreten würden, Stichwort Uferhallen, Uferstudios und in anderer Richtung ExRotaprint.

Die Straßen, in denen ich bis 2012 gewohnt habe, liegen heute alle in Gesundbrunnen, das liegt an der Bezirksreform. Dramatische Mieterhöhungen und Getrifizierungstendenzen muss ich an dieser Stelle nicht erläutern, das ist allgemein bekannt. In Medien wie dem Weddingweiser lese ich regelmäßig die Frage, ob der Wedding denn nun „kommt“ und wann er wohl „kommt“. Diese Art Frage können eigentlich nur Leute formulieren, die früher nicht hier waren. Will ich meine Wohnung überhaupt behalten, wenn sich rundherum alles vollkommen ändert? Möchte ich Teil einer hippen Nachbarschaft sein? Ich kann das für mich persönlich verneinen. Bei dem nächsten Umzug in eine kleinere Wohnung (Tochter ausgezogen u. a.) bin ich nochmals im Wedding geblieben, habe allerdings eine langweilige, ruhige Nachbarschaft gewählt. Als ich ins englische Viertel gezogen bin, habe ich ganz neu im Voraus darüber nachgedacht, wie lange ich hier wohl bleiben werde. Nach 7 Jahren Prinzenallee, 11 Jahren Grüntaler Straße und 11 Jahren Uferstraße, gehe ich rein statistisch davon aus, dass ich in der Belfaster Straße grob geschätzt 10 Jahre leben werde. Auch hier wird sich manches ändern, spätestens wenn die Nachnutzung Flughafen Tegel startet und ich persönlich habe über die Jahre „langweilige“ Nachbarschaften schätzen gelernt. Man kann ungestört sein eigenes Ding machen, würde ich sagen. Der Wedding und heutige Gesundbrunnen waren jahrzehntelang Orte, an denen Nonkonformisten aller Art ein einfaches, wirklich interessantes Leben führen konnten. Das kann man nicht konservieren oder festhalten, Veränderungen sind unausweichlich. Ich wünsche mir wirklich nicht den alten, grauen Wedding zurück. Das war weder schön noch liebenswert und die Details sollte man heute nicht nachträglich romantisieren. Ich bin umständehalber hier gelandet und kam lange Zeit beim besten Willen nicht weg. Ich habe hier mit den Jahren tatsächlich Geschäftsfelder gefunden und beim letzten Umzug gute Verkehrsverbindungen zu Arbeitsorten gesucht. Ich denke nicht, dass ich hier alt werde. Ich persönlich suche jetzt schon ein verschlafenes Nest mit irgendwelchen mietmindernden Mängeln, ich komme mit so etwas klar.

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